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Heilpädagogisches Zentrum Orfeu in Chisinau

Reisebericht nach Chisinau

Published on 24. Januar 2007 under Heilpädagogisches Zentrum Orfeu in Chisinau
Reisezeitraum: 22.-24. Januar 2007
Teilnehmer: Stiftungsvorstand Helmut Rahm,
Stiftungsräte Georg Schwan, Norbert Spieß, Hans Gegenmantel

Bericht des Stiftungsvorstandes und Stiftungsrates

Während des Zeitraumes vom 22.01. bis 24.01.2007 haben Helmut Rahm, Georg Schwan, Norbert Spieß und Hans Gegenmantel eine Reise nach Chisinau / Moldawien unternommen, um sich persönlich einen Eindruck vom neuen Stiftungsprojekt „Schule und heilpädagogisches Zentrum Orfeu“ zu verschaffen. Der Kontakt ist über Viktor Pasulko, Fußball-Nationaltrainer des moldawischen Teams, zustande gekommen.

Moldawien gilt auch als das „Armenhaus Europas“. Laut offiziellen Angaben soll das Land 4,5 Millionen Einwohner haben. Aber aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation des Landes soll inzwischen fast 1/4 der Bevölkerung im Ausland arbeiten. Die Hauptstadt Chisinau ist mit rund 1/2 Million Einwohnern die größte Stadt der Republik.

Nachdem Moldawien sich 1918 zunächst dem Nachbarland Rumänien angeschlossen hatte, ist die Landessprache Moldawisch dem Rumänischen sehr ähnlich. Es verstehen aber auch alle Einwohner Russisch und immer mehr Englisch. Im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes wurde Moldawien dann 1940 Sowjetrepublik. Seit dem 27.08.1991 ist die Republik unabhängig von der UDSSR. Seither kämpft das Land, das zuvor die Sowjetunion mit Gemüse, Wein und anderen Agrarprodukten versorgt hatte, wirtschaftlich ums Überleben. Nach wie vor sind der Wein-, Melonen- und Tomatenanbau oft die einzige Einnahmequelle der Bevölkerung. Nur lassen sich diese Produkte seit der Unabhängigkeit von der UDSSR weder dort verkaufen, noch sind sie im benachbarten Rumänien oder sonst wo in Europa wegen der allgemeinen landwirtschaftlichen Überproduktion verkäuflich. 5 Kilo Melonen, die in Moldawien häufig am Straßenrand angeboten werden, kosten umgerechnet weniger als 50 Cent.

Die Armut ist also groß und in Anbetracht der allgemeinen Armut sind innerhalb der moldawischen Gesellschaft Mitgefühl, soziales Verständnis und finanzielle Unterstützung für die besonders Benachteiligten, wie beispielsweise die geistig Behinderten oder Zurück­gebliebenen, kaum vorhanden. Problem ist schlicht und einfach, dass in Moldawien eben eigentlich jeder bereits deshalb besonders benachteiligt ist, weil er das Pech hatte in diesem heute zweitärmsten Land des europäischen Kontinents zur Welt zu kommen und nahezu jeder hat deshalb Schwierigkeiten, schon seinen Lebensunterhalt irgendwie zu bestreiten. Nicht ungewöhnlich ist daher, dass Kinder sowie benachteiligte Gruppen der Gesellschaft zu kurz kommen müssen. Hinzu kommt, dass in der UDSSR, zu der Moldawien früher gehörte, allgemein das Verständnis für benachteiligte Randgruppen von je her wenig ausgeprägt gewesen ist. Beispielsweise beschränkte sich die „Förderung“ geistig oder anderweitig Behinderter darauf, ihnen Nahrung und Unterkunft zu geben. Dies wurde den Vertretern der Stiftung auch von einer Ausschussvorsitzenden im moldawischen Sozialministerium bei einem offiziellen Besuch bestätigt. Insoweit ist während der letzten Jahre in der moldawischen Bevölkerung gerade erst ein Umdenkungsprozess in Gang gesetzt worden, dessen langsamer Gang selbst den zuständigen Behörden immer noch Schwierigkeiten bereitet.

Diese besonderen Umstände waren letztlich Grund dafür, dass nach einer ersten zuvor stattgefundenen Besichtigung durch den Stiftungsvorstand Helmut Rahm auch der Stiftungsrat ein weiteres Stiftungsprojekt in Moldawien neben der von der Stiftung schon geförderten „Schule Nr. 6“ in Chisinau für besonders förderungswürdig erachtet hat.

Neben einer allgemeinen Besichtigung dieses neuen Projekts „Schule und heilpädagogisches Zentrum Orfeu“ wurden im Rahmen der Reise im Januar 2007 zahlreiche Gespräche mit dem Leiter des Projekts sowie den örtlichen Behörden und Ministerien geführt.

Bei der Schule und dem heilpädagogischen Zentrum „Orfeu“ handelt es sich um eine schon bestehende erste Einrichtung dieser Art in Moldawien, die am 09.02.1999 gegründet wurde. Ziel der Einrichtung ist es, lern- und leicht geistig-behinderten Kindern eine lebenswürdige Umgebung sowie Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, damit sie später einen Platz in der Gesellschaft und im Idealfall auch Arbeit haben. Das heißt, es findet dort sonderpädagogischer Schulunterricht statt, soweit dieser mit den Kindern möglich ist und die Kinder werden während der Woche betreut. Darüber hinaus sollen durch Werkunterricht den Kindern Fähigkeiten vermittelt werden, die es ihnen später ermöglichen, geringer qualifizierte Arbeiten auszuführen. Als besonderen heilpädagogischen Ansatz hat die Einrichtung sich der Art-Therapie verschrieben. Das Musizieren und die künstlerische Gestaltung spielen also eine große Rolle bei der Betreuung und Unterrichtung der Kinder. Geleitet wird die Einrichtung von dem moldawischen Pädagogen Oleg Ababij.

So positiv sich dies alles lesen mag, so bescheiden und ärmlich sind die Verhältnisse, in denen die heilpädagogische Arbeit der Einrichtung stattfindet. Hiervon konnten sich Vorstand und Rat der Stiftung bereits im Rahmen einer ersten Besichtigung am 22.01.2007 einen Eindruck verschaffen.

Sowohl die zur Einrichtung gehörende Schule als auch die Kindertagesstätte befinden sich baulich in einem desolaten Zustand. Zwar fördert der moldawische Staat die Einrichtung, indem das spärliche Gehalt der Pädagogen bezahlt wird. Darüber hinaus wurden der Einrichtung seitens der Stadt Chisinau noch aus Sowjetzeiten stammende verfallende Gebäude langfristig kostenfrei zur Verfügung gestellt. Zu mehr sind aber weder der Staat noch die Stadt wirtschaftlich in der Lage. Insbesondere für die Sanierung von Gebäuden und Räumlichkeiten, die teilweise den Eindruck verfallender Ruinen vermitteln, ist kein Geld da.

Bei den Schulgebäuden handelt es sich augenscheinlich um ehemalige Werkstatt- und Stallungsgebäude. Die Kindertagesstätte besteht aus drei zweistöckigen Blockhäusern mit einem Aufenthaltsraum und Speiseraum sowie sieben zweistöckigen Blockhäusern, deren Keller weitgehend „unter Wasser“ stehen, so dass sie überhaupt nicht genutzt werden können.

Nur einen kleinen Eindruck hiervon können vielleicht die Bilder vermitteln.

 

Umso erstaunlicher ist das besondere Engagement sämtlicher Pädagogen sowie des Leiters der Einrichtung, das sich bereits darin äußert, dass dieser von vielen Kindern „Papa“ gerufen wird. Betritt man im Anschluss an einen Rundgang das Büro des Herrn Ababij verstärkt sich der Eindruck, dass man es hier mit einem Menschen zu tun hat, der nicht nur ein in Moldawien einmaliges Pilotprojekt leitet, sondern für seine Arbeit mit den Kindern lebt und darüber hinaus offenbar sogar noch Zeit zu finden scheint, sich theoretisch mit seiner Arbeit auseinander zu setzen. Es ist ein über und über mit Bildern oder anderen von den Kindern hergestellten Gegenständen und pädagogischer Fachliteratur – insbesondere zur Pädagogik nach Rudolf Steiner, dem Begründer der Antroprosophie – „vollgestopftes“ Büro.

In jeder Hinsicht beeindruckt von der Einrichtung aber auch dem Einsatz ihrer Pädagogen und Betreuer haben die Vertreter der Stiftung dann am 23.01.2007 zahlreiche Gespräche mit den örtlichen Behörden geführt, um die Möglichkeiten der Förderung und Zusammenarbeit im Hinblick auf diese besondere Einrichtung zu klären. Im Rahmen eines ganztägigen „Behörden- und Ministerienmarathons“ wurden der Vorstand und die Räte der Stiftung nicht nur von den Leitern der Schulbehörde der Stadt Chisinau und der Vorsitzenden des Sozialausschusses im moldawischen Ministerium für Kultur und Soziales empfangen, sondern auch vom stellvertretenden Bürgermeister, Herrn Petru Svet, und im moldawischen Außenministerium von der Vizeministerin Eugenia Kistruga. Hierbei wurde das geplante Engagement der Stiftung einhellig begrüßt und es wurde insgesamt die Unterstützung, soweit es irgend möglich ist, seitens des Bürgermeisteramts und der zuständigen Ministerien zugesagt. Überall war im Übrigen die Betroffenheit oder gar Beschämtheit der Behördenvertreter festzustellen, dass man selbst in Anbetracht der wirtschaftlichen Situation nicht mehr tun könne, als Unterstützung zuzusagen.

Als die Vertreter der Stiftung schließlich am Morgen des 24.01.2007 die Heimreise antraten, war allen klar, dass diese Einrichtung nicht nur dringend unterstützt werden muss, sondern auch in jeder Hinsicht ein besonderes Engagement der ascent Stiftung verdient. Noch am selben Tag wurde beschlossen, eine Spendenaktion sowohl beim Außendienst als auch beim Innendienst und den Produktgesellschaften der ascent AG ins Leben zu rufen, die gezielt der kurzfristigen Förderung gerade dieses Projekts dienen soll. Um wenigstens die Nutzung der völlig desolaten sanitären Anlagen in der Schule der Einrichtung möglichst sofort wieder zu ermöglichen, wurde seitens der ascent Stiftung eine erste Zuwendung in Höhe von 8.000 Euro auf den Weg gebracht. Die damit gewährleistete Herrichtung von Toiletten und Waschplätzen stand zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Berichts kurz vor ihrem Abschluss.